Thought on waves

Thought on waves

Der Boden unter den Füßen schwankt. Die Lampe am Schreibtisch bewegt sich, beleuchtet mal die rechte, mal die linke Seite des Papiers. Von draußen dringen die Rufe der Kameraden in die Kajüte, unverständlich und dennoch klar in ihrer Dringlichkeit. Die Matrosen rollen das Segel ein und befestigen es mit dicken Seilen, stelle ich mir vor. Drinnen höre ich, wie die Wellen am Deck zerbersten. Der Wind schleudert unser Boot über das weltumspannende Meer. Richtungs- und absichtslos.

An guten Tagen richtet sich der Blick auf den Horizont. Ich versuche, genau auszumachen, wo das Wasser endet und der Himmel beginnt. An schlechten Tagen gibt es keinen Himmel mehr, Wasser ist überall, fällt von oben auf uns herab, springt uns von der Seite ins Gesicht.

Ich starre auf die Wand am anderen Ende meines Schreibtisches. Das Holz hat sich dunkel verfärbt, Jahre des Windes, des Wassers in sich eingeschrieben. Ich höre meinen Atem. Mein Körper bläst sich auf, der Brustkorb nimmt Raum ein. Danach fällt alles wieder zusammen, wie die Wellen draußen, die sich aufbäumen und dann wieder verschwinden. Wie gleich sie doch wirken, denke ich. Doch sie könnten nicht unterschiedlicher sein, einmal stoßen sie das Boot mehr nach rechts, mal weicht das Holz nach links aus. Mal dreschen die Tropfen auf das Deck ein, mal erreicht die Gischt den Bug.

Ich schwanke. Wie das Pendel der Zeit, denke ich. Ich könnte alles verlieren, sage ich. Und am Ende? Am Ende sitze ich hier und atme.

Gedanken zu dem Moment, in dem die Welle bricht

Das Wasser bäumt sich auf, nur um sich im nächsten Moment wieder zurückzuziehen. Es spielt seine Kraft aus ‒ und verebbt. What would a change of mind look like?

Die Welle bricht aus.

Ich sitze am Surfboard und beobachte den Horizont. Ich versuche, die Wellen zu erfassen. A new wave, eine neue Zeitrechnung? Nimmt eine Welle Gestalt an, wechsle ich von Ruhe in Aktivität.

Wasser ist ein kraftvolles Medium. Es dringt in Räume ein, ist unaufhaltsam. Es beruhigt, es fließt, ist immer in Bewegung. Es lässt Dinge geschehen. Im Wasser fühle ich mich schwerelos; es trägt die Gedanken, die Zweifel fort.

Die Welle erfasst mich. Sie spült mich unter sich, dreht mich, wirbelt mich.

Ich tauche auf.

Der Meeresspiegel ist der Nullpunkt, von dem aus alle Erhebungen vermessen werden. Könnte ich auch alle menschlichen Erfahrungen am Meer messen? Die Höhen, die Tiefen, die Tränen, die Freude? Der Nullpunkt wäre dann der Reset-Knopf, um nochmal von Neuem zu beginnen.

Vom stillen Wasser erhebt sich die Welle, sie rückt vor, sie steht, sie wird zur Welle. In einer kurzen, fluiden Zeitspanne bricht sie in Schönheit – nur um dann wieder zu verschwinden. Die Welle verliert ihre Einzigartigkeit, wird still. Es ist eine Metamorphose.

Wasser ist ewig – und verändert sich konstant. Ich frage mich, wie ich mich zur Welle verhalte: flüssig oder fest, im Flow oder auf der Suche nach Stabilität? Leer oder voll, unter Kontrolle oder losgelassen?

Ich sitze am Surfboard, die Beine im Wasser und beobachte den Horizont. Ich sehe, wie sich eine Welle aufbaut. Ich drehe mich um, fange an zu paddeln, spüre wie die Kraft mich nach hinten zieht. Das Surfboard hebt sich hinten an, es ist der Moment, aufzustehen. Ich setze den rechten Fuß dahin, wo bisher meine Knie waren. Den linken dorthin, wo mein Herz war. Wenn die Welle und ich eine Einheit sind, hüpfe ich am Ende in den Sand.

Ich habe Sehnsucht nach dem Wasser. Nach dem Geräusch in dem Moment, in dem die Welle bricht. Nach dem Sprung kopfüber in das dunkelgrün-hellblauem Etwas, das einem umschließt und den Zustand verändert. Nass ist alles anders.

Video und Text „Gedanken zu dem Moment, in dem die Welle bricht“ sind in einer Kooperation zwischen dem Orff-Institut und der Klasse „Fotografie und Neue Medien“ der Universität Mozarteum entstanden. Stefanie Alf und Ronja Eick haben für „Re-Aktion“ – ein Projekt von Bruchstück – gebeten, bildnerische Kunst zu schicken. Angelika Wienerroither sandte ihnen zwei Fotos und eine kurze Beschreibung. Sie erhielt ein paar Tage später vier Videos, die sie mit ihren bestehenden Aufnahmen verknüpft hat. In dem Text zur Arbeit befasst sich Angelika Wienerroither mit Wellen und dem Gefühl beim Surfen. 

Beide Arbeiten sind zu sehen im:

Aquarium
ein Ausstellungsprojekt der Klasse Fotografie und Neue Medien, Universität Mozarteum

26.5. — 30.6.2020 / 0 — 24 Uhr
Alpenstraße 75 / Salzburg

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