rite of passage – on motherhood

Von Göttern, Müttern und Giganten
Über Angelika Wienerroithers „rite of passage — on motherhood“


„Sie // sehen in Dreifarbigkeit Winde wie / Dein Name genau sagt süße Brise
/ die vor Ort bleibt // Zartes Verharren in seligem Weg / unter meinen Augen
unendlich / offen blau verweht // gelb schwindend in sich hinein / immer
jedoch vorhanden in der / nackten Erscheinung // sich windende Blume als
Dame / immer verblieben für immer“
(Paul Wühr. Dame Gott. Gedichte. 2007)


Jede Geburt birgt eine kleine Revolution in sich. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Jedes Ich entsteht im Du. Ein knappes Jahrzehnt nach den menschenverachtenden Schrecken des zweiten Weltkrieges führte Hannah Arendt den Begriff „Natalität“ in ihr philosophisches Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ ein. Der gewalttätigen und zerstörerischen Kraft des Faschismus setzte Arendt schlicht die schöpferische Kraft des Lebens entgegen. Die Erde, aus der wir kriechen, die Sterblichkeit, die uns durchs Leben leitet, die Weltlichkeit, die uns vom Abstrakten abgrenzt und die Pluralität, die uns mit überwältigender Vielfalt an die Freiheit bindet – diese vier Bedingungen der menschlichen Existenz wären nach Arendt nichts ohne der fünften: der Natalität selbst als der Fähigkeit, das Leben zu geben. Der Tod nimmt, das Leben gibt.

rite of passage – on motherhood: artist house Gjutars, Vantaa, Finnland


Ein Kind kommt auf die Welt, eine Mutter wird geboren. Was im Privaten stilles Glück und menschliches Drama meint, ist für die Gesellschaft als Ganzes die Kraft, sich selbst zu hinterfragen & immer wieder neu zu erfinden sich empor zu winden aus den Trümmern des Krieges oder nicht mehr einzuknicken, irgendwann, unter dem Sog des zeit- und systemunabhängigen Kreislauf des Herrschens und Beherrschtwerdens; es einfach: immer und wieder neu zu versuchen mit dem Ringen nach einem besseren Leben für alle. Nach Arendt beobachtet die Welt am Beispiel der Geburt das Prinzip der Natalität – als grundlegende Seinsbedingung und als Verpflichtung. Das Neugeborene, das in vielen altertümlichen Vorstellungen als Heilsbringer auf die Welt kommt, um zu erlösen, ist auch heute noch Sinnbild für Veränderungen und Erwartungen von Neuem. „Jedem Neuankömmling kommt die Fähigkeit zu, selbst einen neuen Anfang zu machen, d. h. zu handeln.“ Die Geburt ist bei Arendt nichts privates sondern symbolischer Auftakt, engagiert, selbstbestimmt, frei und verbunden zugleich zu sein.


In ihrer raumgreifenden Installation „rite of passage – on motherhood“ inszeniert die Salzburger Künstlerin Angelika Wienerroither einen Raum, in dem sie die Ambivalenz aus Freiheit und Geborgenheit, aus Selbstbestimmung und Verbundenheit erfahrbar macht. Wie in einem postdramatischen Stationentheater bewegt sich die Betrachter:in durch verschiedene Ebenen, die sich bei Wienerroither nicht durch Handlungen sondern in Form von Zeichnungen, Skulpturen, Gemälden und Analogfotografien formulieren.

rite of passage – on motherhood: Galerie im KunstWerk, Universität Mozarteum Salzburg

So hängen von der Decke etwa vier zu einem offenen und zugleich kreisrunden Baldachin geformte Gardinenstoffe, die je einen Abschnitt der Schwangerschaft visualisieren: Auf die Empfängnis folgt das Aufblühen, auf die Geburt das Postpartum, die Zeit, in der sich der weibliche Körper nach der Geburt erholt. Farbenfroh, unverstellt, fast kindlich naiv wirken dabei die mit Eitempera luftig gezeichneten Formen. Skizzenartige Umrisse von Leibern, aufblühende Rundungen, sich im Wind wiegende Grashalme oder archaische Geschlechtersymbole sind zu sehen; aufliegende Texte geben intime Einblicke in das fiktive oder reale Tagebuch einer Schwangerschaft. Wo die Frauenfeindlichkeit des Christentums die körperliche Ebene der Menschwerdung dämonisierte, zitiert Wienerroithers Rauminstallation eben jene sakrale Überhöhung des Existenzialistischen hin zum Transzendenten, emanzipiert aber den eigenen Körper und dessen Fähigkeit zur Freiheit vor jeder religiösen oder weltanschaulichen Vereinnahmung durch Autoritäten von gestern.


Während die Aufbahrung von heiligen Reliquien die Gemeinschaft eines Altars in der Meditation eines Rituals auf die Anwesenheit des Übermenschlichen, des Heillands einschwören, vergegenwärtigt Wienerroithers Altar das Leben selbst, das In-die-Welt-geworfen-Sein, die sinnliche Existenz vor jeder bedeutungsgenerierenden Essenz, das Körperliche vor der Ideologie, die Materialität vor der Deutung. Über bleibt eine liturgische Aura des Werdens, die dem Abwesenden, dem neugeborenen Kind, gewidmet ist. Anwesend ist die Kraft des Anfangs, die reine Möglichkeitsform eines noch unverlebten Lebens. Und es bleibt die unaufgeregte Geste des Widerstands, der multiplen Krisenhaftigkeit unserer Gegenwart etwas zu entgegnen: Wärme vielleicht, Geborgenheit, Liebe unbedingt. Und Neuanfänge. Die Revolutionen kommen dann schon.
Christian D. Winkler

„pregnancy“ im Leopoldmuseum Wien (c) Lisa Rastl

pregnancy im Leopoldmuseum Wien (c) Helmut Graf

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